Durch die Hölle

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Bis vor wenigen Monaten wusste ich von dem Thema, das Gegenstand meines neuen Romans ist, noch nichts. Doch dann lernte ich einen Mann kennen, der davon betroffen ist, und nachdem er mir seine Geschichte erzählt hatte, wusste ich: Das ist ein Thema, dem muss ich mich widmen!

„False Memories“, falsche Erinnerungen, gibt es das wirklich?

Klar wusste ich, dass man im Nachhinein viele Erinnerungen leicht verfälscht, dass man den meisten Erinnerungen nicht trauen kann. Vor allem Erinnerungen an die Kinderzeit werden durch die Erzählungen der Eltern oft so plastisch, dass man sie für eigene Erinnerungen hält. Und können sogar völlig verfälscht werden, indem man den Kindern oder Erwachsenen einredet, sie hätten Dinge erlebt, die sie in Wirklichkeit niemals erlebt haben. (Dazu gibt es viele Versuche. So wurde zum Beispiel einem Jungen eingeredet, er sei einmal in einem Kaufhaus verlorengegangen. Nach einer Weile war er selbst davon überzeugt und schmückte diese Pseudoerinnerung mit vielen eigenen Details aus.)

Das Thema, um das es in meinem Roman „Durch die Hölle“ geht, ist wesentlich sensibler. Denn hier handelt es sich um eingeredeten sexuellen Missbrauch. Das Schema ist immer dasselbe: Das erwachsene Kind macht aus unterschiedlichen Gründen eine Psychotherapie, danach vergeht eine gewisse Zeit, in der sich die Tochter oder der Sohn kaum bei den Eltern melden, bis sie dann schließlich mit dem ungeheuren Vorwurf kommen.

Die Väter fallen aus allen Wolken, die Ehefrau zweifelt oft oder trennt sich gleich, weil sie der Tochter (seltener dem Sohn) glaubt. Familien werden zerrissen, Geschwister schlagen sich auf die eine oder andere Seite. Doch wie soll der beschuldigte Vater seine Unschuld beweisen? Die Anschuldigungen sind noch dazu oft so nebulös, ohne konkrete Vorwürfe oder zu verifizierende Vorkommnisse, dass überhaupt kein Ansatz für die Beschuldigten da ist.

Wie kommt es zu diesen Behauptungen? Hier muss man einen Schritt zurück in die Vergangenheit gehen. Bis zu den Achtzigern war das Thema „sexueller Missbrauch in der Familie“ ein Tabu-Thema, über das nicht gesprochen wurde. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Dann kam die „Aufdeckungswelle“, in deren Zug überall als Grund für psychische Probleme sexueller Missbrauch in der Kindheit gesehen wurde. (Wikipedia)

In diesem Zusammenhang sei auch auf die in den Neunzigern stattgefundenen Prozesse um die Kindertagesstätten Coesfeld (Montessori-Prozess) oder die Prozesse in Worms und Flachslanden verwiesen. Hier kann man par excellence sehen, wie durch Suggestion falsche Erinnerungen (bei Kindern) erzeugt werden können. Obwohl alle Angeklagten freigesprochen wurden, war deren berufliches und privates Leben natürlich zerstört.

Nachdem in den USA die ersten großen Schadensersatzprozesse gegen Psychotherapeuten gelaufen waren, gingen die Anzeigen dramatisch zurück. Seit einigen Jahren ist diese Welle nun in Deutschland angekommen.

Durch den betroffenen Bekannten erhielt ich Kontakt zu dem Verein False Memory Deutschland e.V. (Website), der sich – ebenso wie sein Pendant in den USA – für Väter starkmacht, die von ihren Kindern fälschlicherweise beschuldigt werden. Durch diesen Verein bekam ich Kontakt zu 7 Betroffenen, deren Geschichte ich in irgendeiner Weise in meinem Roman erzähle.

Die Haupthandlung ist fiktiv und versucht vor allem, sich dem Vorgang der Suggestion innerhalb der therapeutischen Sitzungen anzunähern. (Es liegt in der Natur der Sache, dass ich hier keine Aussagen von Therapeuten verwenden konnte, da sie es natürlich weit von sich weisen würden, ihren Patienten etwas suggeriert zu haben.) Dazu habe ich selbstverständlich viele Fachbücher gelesen, u.a. das aktuelle Buch von Prof. Max Steller „Nichts als die Wahrheit?“ (Amazon)

Max Steller selbst hat meinen Roman gelesen und für gut befunden, worüber ich mich sehr gefreut habe.

Während einer Tagung des Vereins False Memory Deutschland e.V.  im April in Halle, bei der auch Prof. Steller einen Vortrag gehalten hat, filmte ein Team von 3sat. Ein Zeichen, dass dieses Thema in der nächsten Zeit in breiter Öffentlichkeit Beachtung finden dürfte. Die Sendung wird am 22.09.16 um 20.15 Uhr ausgestrahlt. (Programmhinweis)

Es würde mich freuen, wenn mein Roman dazu beiträgt, dass in Zukunft weniger Menschen zu Unrecht beschuldigt würden. Denn am Ende kann es nur Verlierer geben.

 

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